Mit dem Bildungscampus Neufreimann wird einer der ersten Bausteine des neuen Münchner Stadtteils Neufreimann fertiggestellt. Das umfangreiche Raumprogramm des Schulkomplexes reicht von einem Haus für Kinder über eine angegliederte sechszügige Grundschule bis hin zu einem ebenfalls sechszügigen Gymnasium. Ergänzt wird das Ensemble durch eine Mensa, zwei Hausmeisterwohnungen, eine Tiefgarage, zwei Sporthallen, eine Schwimmhalle sowie Sportfreiflächen für Schulen und Vereine. Rund 2.500 Personen, darunter etwa 2.000 Kinder und Jugendliche, finden in dem Neubau, der im Wesentlichen aus zwei Baukörpern besteht, ihren täglichen Lern-, Arbeits- und Aufenthaltsort. Durch die konsequente Stapelung der Nutzungen konnte das umfangreiche Raumprogramm auf den beiden ausgewiesenen Baufeldern realisiert werden.
Für Kita-Kinder, Schülerinnen und Schüler sowie pädagogisches Personal entstand eine Lern-, Aufenthalts- und Arbeitswelt mit sehr kurzen Wegen. Der Bildungscampus ist zugleich ein zentraler sozialer Baustein des neuen Stadtteils im Norden Münchens, der auf dem Gelände der ehemaligen Bayernkaserne entsteht. Nachdem die militärischen Einrichtungen das Areal Ende 2011 verlassen hatten, ging 2014 der städtebauliche Wettbewerb an die Büros Max Dudler sowie Hilmer & Sattler und Albrecht. Seit 2019 wird das neue Quartier entwickelt, in dem bis 2030 Wohnraum für bis zu 15.000 Menschen entstehen soll. Der Bebauungsplan orientiert sich an den Münchner Gründerzeitquartieren mit Blockrandbebauung und hoher Dichte. Eine diagonal durch das Areal verlaufende „grüne Magistrale“ gliedert das Quartier und bildet mit dem Grünboulevard das Rückgrat für öffentliche und soziale Einrichtungen, darunter die Schulstandorte im Norden und Süden.
Ein neuer Schultypus – die urbane Clusterschule
Aufgrund der hohen städtebaulichen Dichte und des umfangreichen Raumprogramms nimmt der südliche Bildungscampus Neufreimann zwei vollständige Baublöcke ein. Ziel des Entwurfs war es, trotz dieser Verdichtung eine innovative Schule mit hohen Innen- und Freiraumqualitäten zu schaffen, die das Münchner Lernhauskonzept optimal umsetzt. Entwickelt wurde ein neuer, urbaner und äußerst kompakter Typus der Clusterschule, bei dem die Funktionen übereinandergestapelt sind. Durch gezielte Einschnitte in das Bauvolumen entstehen Freiräume nach dem Prinzip der Subtraktion. Der Wechsel zwischen umbautem Raum und offenen Bereichen prägt den Campus wesentlich, wobei Innen- und Außenräume gleichwertig behandelt werden. Dachterrassen und Freibereiche fungieren als grüne Lern- und Aufenthaltsräume und erweitern die Innenräume funktional und räumlich.
Einmalig in Deutschlands Bildungslandschaft
Der Schulstandort zeichnet sich durch eine in Deutschland bislang einzigartige Dichte unterschiedlicher Nutzungen aus, die Bildungseinrichtungen, Breitensportangebote und öffentliche Institutionen miteinander verknüpft. Das Gesamtensemble mit seinen kurzen Wegen besitzt eine hohe gesellschaftliche und entwicklungsprägende Bedeutung. Kinder können hier bereits im frühen Kindesalter die Kindertagesstätte besuchen und ihre schulische Laufbahn bis zum Abitur am selben Standort abschließen. Ergänzend dazu stehen sportliche und kulturelle Angebote wie Schwimmen, Fußball oder Theater unter einem gemeinsamen Dach zur Verfügung. Die Möglichkeit, Bildungs- und Freizeitangebote vom Kleinkind- bis ins Erwachsenenalter innerhalb eines Gebäudekomplexes zu nutzen, stellt eine neue Qualität dar, der durch eine hohe architektonische und freiräumliche Gestaltung Rechnung getragen wird.
Zwei Schulhäuser, ein gemeinsamer Campus
In beiden Schulgebäuden sind die „öffentlichen“ Funktionen in den zweigeschossigen Sockelbereichen angeordnet. In der westlichen Grundschule befinden sich die gemeinsam genutzte Mensa, der Verwaltungsbereich sowie eine 2-Feld-Sporthalle mit separatem Vereinseingang. Das Gymnasium im Osten beherbergt im Sockel eine Aula mit Bibliothek, den Verwaltungsbereich, eine 3-Feld-Sporthalle sowie die Schwimmhalle mit olympiatauglichen 50-Meter-Becken. Um unterschiedliche Raumhöhen auszugleichen, wurden die Sporthallen auf Ebene −1 angeordnet.
Großzügige Foyers mit Sitztreppen führen in beiden Schulen zu den darüberliegenden Lernbereichen. Sie bilden das räumliche Zentrum der Gebäude und werden durch die Kunstinstallation „Clouds“ von Albert Weis zusätzlich akzentuiert. Zwischen den beiden Schulen entsteht ein gemeinsames Erschließungsband, das die „Grüne Gasse“ kreuzt und als zentraler Kommunikations- und Aufenthaltsraum dient. Durch die gemeinsame Nutzung von Mensa, Aula und weiteren Einrichtungen funktionieren beide Schulen als zusammenhängender Campus. Südlich der Grundschule ist das zweigeschossige Haus für Kinder mit separatem Eingang und eigenem Freibereich angeordnet.
Robuste Innenarchitektur
Über den Sockelgeschossen sind die Lernateliers als zeitgemäße Lern- und Aufenthaltslandschaften nach dem Münchner Lernhauskonzept organisiert. Die Jahrgangsstufen sind jeweils zu eigenständigen Clustern zusammengefasst, deren Zentrum eine offene Multifunktionsfläche bildet. Kurze Wege verbinden die Lernbereiche mit den Pausenhofflächen. Die Ausführung als Ganztagsschulen spiegelt sich in einer hochwertigen und robusten Innenraumgestaltung wider. Sichtbeton, Holzoberflächen, farbiges Linoleum und Fliesen prägen die Innenarchitektur und gewährleisten eine hohe Dauerhaftigkeit.
Während die Grundschule mit den Lernateliers vier bis fünf Geschosse zählt, stapeln sich beim Gymnasium die Nutzungen auf bis zu sechs Stockwerke, da zwischen dem Sockel und den Lernateliers noch die sogenannten MINT-Bereiche, zum Beispiel die Chemie- und Biologiesäle, und die Musik- und Kunsträume untergebracht sind. Für die teils nur über Innenhöfe belichteten MINT-Räume wurde ein spezielles Tageslichtkonzept entwickelt, das das Licht über mehrere Geschosse in die Lernräume führt.
Kompakte Architektur mit einem geringen ökologischen Fußabdruck
Durch die Stapelung der Nutzungen weist der Bildungscampus Neufreimann einen vergleichsweise geringen Flächenverbrauch auf. Eine Vergleichsrechnung zeigte, dass bei einer konventionellen Anordnung von Sporthallen, Schwimmbad und Mensa in separaten Baukörpern rund 28.000 m² versiegelte Fläche erforderlich gewesen wären – etwa das 2,5-Fache der tatsächlich realisierten 11.500 m².
Komplexe Statikaufgabe
Die Stapelung der Nutzungen stellte hohe Anforderungen an die Tragwerksplanung. In den beiden Gebäudeteilen von Grundschule/Haus für Kinder und Gymnasium sind im Wesentlichen nur die Aufzugsschächte durchgehend ausgebildet. Die finale Abstimmung von Raumprogramm und Tragwerk erstreckte sich über rund zwei Jahre. So liegen beispielsweise über der 3-Feld-Sporthalle des Gymnasiums mit ihren großen Spannweiten weitere drei Geschosse mit Lernhäusern. Zur Berechnung der Gebäudeschwingungen wurde die TU Kaiserslautern in die Planung eingebunden. Für die Tragwerksplaner von bwp Burggraf + Weber zählte der Schulstandort Süd zu den komplexesten Projekten der vergangenen Jahre.
Die Tragkonstruktion besteht überwiegend aus Stahlbeton sowie großformatigen Stahlfachwerkträgern. Das Areal der ehemaligen Bayerkaserne dient zugleich als Modellgebiet für die Erprobung von Maßnahmen der Kreislaufwirtschaft. Der Einsatz von Recyclingbeton war für den Schulstandort Süd aufgrund der hohen statischen Anforderungen zum Zeitpunkt der Planung jedoch nicht möglich. Perspektivisch wird Recyclingbeton dennoch als sinnvolle Alternative auch für komplexere Bauaufgaben gesehen.
Hochwertige Fassaden und ökologische Bauweise
Die Sockelgeschosse erhielten ein hinterlüftetes Verblendmauerwerk aus hellem Vollklinker. Öffnungen und farbig verglaste Lichttubes schaffen Ein- und Ausblicke sowie lebendige Lichtspiele in den Pausenhöfen. Die darüberliegenden Lernateliers sind von einer Gitterstruktur aus weiß eingefärbten Betonfertigteilen umhüllt, die zugleich die Fluchtbalkone integriert. Dahinter liegen thermische Fassaden mit großformatigen Holz-Alu-Fensterelementen und Dreifachverglasung.
Das Energiekonzept basiert auf einem sehr niedrigen Heizwärmebedarf infolge der kompakten Bauweise. Ergänzt wird es durch eine hochwertige Gebäudehülle, kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung, intensive Tageslichtnutzung sowie Photovoltaikanlagen auf den Dächern. Der Bildungscampus ist an das Nahwärmenetz des Quartiers angeschlossen und erreicht die Effizienzklasse A+ nach EnEV.