Getreidemagazin des Haupt- und Landgestüts Marbach in St. Johann

Ausführung: 2021 - 2023 Standort: Tübingen Bauherr: Land Baden-Württemberg vertreten durch den Landesbetrieb Vermögen und Bau, Amt Tübingen Fotografie: Thomas Herrmann

Das neue Getreidelager des Haupt- und Landgestüts Marbach auf dem Gestütshof St. Johann steht exemplarisch für das, was gutes landwirtschaftliches Bauen heute ausmacht: eine klare Haltung, einfache Mittel, sorgfältige Ausführung und ganz viel Technik. Wir entwickelten dazu eine Halle, die technische Komplexität in eine präzise, ruhige Architektur übersetzt. Beton und Holz greifen ineinander – funktional, robust, bewusst proportioniert. So entstand ein Bau, der in der Landschaft der Schwäbischen Alb ebenso selbstverständlich wirkt wie in seiner Nutzung.

Ort mit Geschichte
Auf der offenen Albhochfläche zwischen Eningen unter Achalm und St. Johann-Würtingen liegt der Gestütshof St. Johann. Rund 14 Gebäude aus vier Jahrhunderten – Wohn- und Wirtschaftsgebäude, Reithalle, Stallungen – fügen sich zu einem denkmalgeschützten Ensemble, das Teil des traditionsreichen Haupt- und Landgestüts Marbach ist.
Nach dem Brand der historischen Getreidescheune im Jahr 2017 war der Neubau ein notwendiger und zugleich symbolischer Schritt. Er steht für den Wandel in der Bewirtschaftung ebenso wie für den Anspruch, funktionale Abläufe und architektonische Gestaltung miteinander zu verbinden.

Planung mit Präzision
Die Halle ist parallel zur Hofzufahrt angeordnet und misst 37 Meter in der Länge, 21 Meter in der Breite und knapp zwölf Meter bis zum First. Ihre Nordfassade ist leicht gegenüber der von uns 2011 fertiggestellten Reithalle zurückgesetzt. So entsteht ein kleiner Vorplatz, der den Hofraum als Auftakt zu den restlichen Gebäuden eröffnet.
Der Bau folgt einer klaren funktionalen Gliederung. Mittig der Längsseite verläuft die Zufahrtsachse mit der Annahmestelle, einer 14 Meter langen, schräg betonierten mit Gitterrosten belegten, sogenannten Gosse. Traktoren können hier von Osten einfahren, abkippen und auf der Westseite wieder ausfahren – ein fließender Prozess. Unter der Gosse liegt das Teiluntergeschoss, in dem die Technik zur Förderung des Getreides untergebracht ist. Von hier aus transportiert ein Becheraufzug, oder auch Elevator genannt, die Ernte vertikal nach oben in die sogenannte „Laterne“, einem schmalen Aufbau, der wie ein technisches Rückgrat über dem Dachfirst sitzt. Von dort aus verteilt ein System aus Förderbändern das Getreide und die anderen Feldfrüchte, nach einer intensiven Entstaubung und Reinigung, in die entsprechenden Lagerboxen und Silos.

Raum und Maschine
Im Inneren dominiert die Logik des Prozesses. Vier große Lagerboxen aus Trapezblech fassen je bis zu 200 Tonnen Getreide, sechs Silos nehmen kleinere Mengen Korn, Hülsenfrüchte oder Futterpellets auf. Eine Staubkammer, ein Heizraum und die Steuerzentrale im nördlichen Teil der Halle komplettieren das Programm. Letztere ist das Herzstück der Anlage, eine hochmoderne Steuerungszentrale, über die sämtliche Arbeitsgänge – von der Reinigung, über die Trocknung, bis zur Einlagerung – digital gesteuert werden. Hier wird gemessen, geregelt und kontrolliert, während auf der anderen Seite des Glasfensters die Technik arbeitet: Bürstmaschinen, Filter, Staubsaugerwände, Förderbänder.

Konstruktion und Material
Wir entschieden uns für eine Hybridkonstruktion aus Stahlbeton und Holz – wirtschaftlich, dauerhaft, ökologisch sinnvoll. Der massive, flügelgeglättete Betontrog trägt die Lasten der Schüttung, während Holzpendelstützen und Betonstützen gemeinsam die Hülle aussteifen. Die Fassade besteht aus vorgefertigten, leicht geneigten Wandelementen aus unbehandelter Douglasie. Im Laufe der Zeit vergraut das Holz, wie auch die waagrechte Holzverschalung des aufgesetzten Dachbereiches, und passt sich farblich den Nachbarbauten an. Faserzement-Wellplatten und bündig integrierte Photovoltaik formen auf dem Satteldach eine durchgängige Fläche. Die Materialien der Laterne setzen den anthrazitfarbenen Ton fort – ein präzises Zusammenspiel von Technik und Gestalt. Neben den konstruktiven Anforderungen spielte auch der Blitzschutz eine zentrale Rolle: Getreidestaub ist hochgradig explosionsfähig, weshalb sämtliche metallischen Bauteile, Dachaufbauten und technischen Einheiten in ein durchgehendes Blitzschutz- und Potentialausgleichssystem eingebunden wurden.

Einfach bauen, gut bauen
Landwirtschaftliches Bauen gilt oft als schlicht, zweckmäßig, selten als architektonisch anspruchsvoll. In St. Johann zeigt sich das Gegenteil. Wie präzise Einfachheit sein kann, wenn Funktion und Gestaltung zusammenfallen, zeigt das Getreidemagazin. Die Halle kommt mit wenigen Gewerken aus, die Materialien sind vertraut, die Form folgt dem Gebrauch. Technik, Brandschutz und Wirtschaftlichkeit wurden auf engem Raum vereint und die äußere Erscheinung an die denkmalgeschützten historischen Gebäude des Gestüts angepasst, in das sich das neue Getreidemagazin selbstverständlich einfügt – und zugleich zeigt, wie zeitgemäßes Bauen im Bestand aussehen kann. So wird der Bau zum Vorbild für eine Landwirtschaft, die Verantwortung übernimmt, und für eine Architektur, die im Einfachen Qualität findet.