Generalsanierung Filsenbergschule

Wettbewerb 2021 Ausführung: 2022 - 2024 Standort: Öschingen Bauherr: Stadt Mössingen Fotografie: Thomas Herrmann

Wer die Filsenbergschule in Mössingen-Öschingen heute betritt, erlebt keine Inszenierung des Neuen, sondern eine Architektur, die aus dem Bestand heraus weitergedacht wurde. Wir haben die kleine einzügige Grundschule aus dem Jahr 1965 generalsaniert und dabei den ursprünglichen Charakter des Hauses wieder zur Geltung gebracht. Neue Anforderungen an Brandschutz, Barrierefreiheit, Energieeffizienz und schulischen Alltag für die etwa 100 Kinder und ihre Lehrkräfte integrierten wir in ein Gebäude, das seine räumliche Großzügigkeit und seine klare Gliederung behalten hat.

Entstanden ist eine Schule, die Zukunft aus dem Vorhandenen entwickelt. Darin liegt nicht nur eine architektonische, sondern auch eine ökologische Qualität. Was weitergenutzt werden kann, muss nicht neu hergestellt werden. Der Erhalt des Bestands spart Ressourcen, bewahrt graue Energie und reduziert den Eingriff auf ein notwendiges Maß. Die ursprüngliche Anlage mit ihren drei Baukörpern – Schule, Turn- und Festhalle sowie Hausmeistergebäude – bleibt als Ensemble lesbar. Das neue Treppenhaus mit Aufzug sowie die Lüftungszentrale wurden so in den Bestand eingefügt, dass sein ursprünglicher Charakter gewahrt bleibt. Gerade in Sanierungen liegt für uns die Aufgabe darin, die räumliche, architektonische und handwerkliche Qualität des Bestands anzuerkennen und damit weiterzuarbeiten.

Mit dem Ort verbunden
Die Filsenbergschule wurde als Grund- und Hauptschule für den Stadtteil Mössingen-Öschingen fertiggestellt. Sie liegt am Südwestrand der Gemeinde auf einem leicht nach Norden abfallenden Gelände, eingebettet in großzügige, parkähnliche Außenanlagen mit Schulhof, Spielbereichen und Sportflächen. Die Filsenbergschule ist für viele Familien in Öschingen ein vertrauter Ort, der über Generationen hinweg genutzt wird. Umso wichtiger war es uns, ihren Charakter auch im Zuge der Sanierung zu bewahren und das Haus weiterhin offen, lebendig und in seinem parkartigen Umfeld verankert erscheinen zu lassen.

Behutsam erneuert
Bis zur Sanierung war das Gebäude trotz einzelner Umbauten im Wesentlichen noch im bauzeitlichen Zustand. Der Brandschutz musste dringend verbessert, ein zweiter Fluchtweg geschaffen und die energetische Qualität des Hauses grundlegend erneuert werden. Gleichzeitig war klar, dass der Wert des Vorhandenen gerade in der ursprünglichen architektonischen Haltung des Gebäudes lag. Die Grundrissstruktur erhielten wir deswegen weitgehend, ebenso den großzügigen Erschließungsbereich mit seiner zentralen Treppenanlage. Auch die großen Klassenzimmer blieben und wurden nur dort angepasst, wo es der Schulalltag heute verlangt.
Ergänzt wurde der Bestand nur an den Stellen, an denen neue Anforderungen es notwendig machten. An der eingerückten Nordecke entstand ein zweites Treppenhaus mit Aufzug, das den erforderlichen zweiten Rettungsweg sichert, die barrierefreie Erschließung ermöglicht und zugleich den bisher nur von außen zugänglichen Werkraum an das Gebäude anbindet. Die neue Lüftungszentrale dockten wir an der schmalen Westseite an. So lassen sich die Unterrichts- und Sanitärräume zentral be- und entlüften, ohne mit zusätzlichen Schächten und Durchbrüchen unnötig tief in den Bestand einzugreifen. Beide Ergänzungen sind über ihre Fassadenbekleidung bewusst als neue Bauteile ablesbar, fügen sich jedoch so zurückhaltend in das Ensemble ein, dass der ursprüngliche Charakter des Hauses gewahrt bleibt.

Raum für den Alltag
Im Inneren bauten wir die Schule so weiter, dass ihr Alltag heute besser funktioniert und zugleich offen für kommende Entwicklungen bleibt. In jedem der großen Unterrichtsräume gibt es Bereiche für kleinere Gruppen, die sich mit rollbaren Möbeln flexibel abtrennen lassen. Im Erdgeschoss entstand aus einem ehemaligen Klassenraum eine Pädagogische Küche mit Aufenthaltsbereich. Die frühere Lehrküche führten wir mit angrenzenden Räumen zu einem großzügigen Bereich für die Kernzeitbetreuung zusammen – einschließlich vorbereiteter Installationen für eine mögliche spätere Essensausgabe. Der Zugang zu den Sanitärräumen wurde vom baujahrestypischen Außenbereich ins Gebäudeinnere verlegt, ergänzt um ein barrierefreies WC. Zwischen den Klassenzimmern haben wir zudem Türen eingebaut, damit das neue Fluchttreppenhaus aus allen Räumen geschützt erreichbar ist. So zeigt sich eine weitere Qualität der Sanierung in der Präzision, mit der alltägliche Abläufe neu organisiert wurden.

Material mit Gedächtnis
Besonders stark ist das Projekt dort, wo Material und Erinnerung zusammenfinden. In der Filsenbergschule war vieles noch im Originalzustand erhalten, darunter der charakteristische Waschbetonbelag im Erdgeschoss, der sich von außen nach innen durchzieht. Dieses Motiv wurde nicht nur bewahrt, sondern weitergeführt. Wo innen Platten ergänzt werden mussten, griffen wir auf die außenliegenden Bestandsplatten zurück; außen ersetzten wir sie durch neue Waschbetonplatten mit derselben Körnung und in derselben Herstellungsweise wie einst. Und doch zeigen die alten Platten, was kein neues Material herstellen kann. Sie sind feiner, glatter und über die Jahrzehnte abgelaufen, weil seit Generationen Schülerinnen und Schüler über sie gegangen sind. So bleibt der Charakter des Hauses nicht museal erhalten, sondern im Gebrauch.
Auch an anderer Stelle entschieden wir mit großer Sorgfalt, was erhalten, angepasst oder neu interpretiert wird. Entsprechend wurde die Haupttreppe mit ihren Betonwerksteinstufen und die Fensterbänke ebenfalls aus Betonwerkstein erhalten und wo nötig nach dem Vorbild der vorhandenen ergänzt. Neue Oberflächen wählten wir in Anlehnung an die ursprünglichen Materialien. Robust, natürlich und in ihrer Materialität sichtbar: Gussasphalt als Bodenbelag, Akustikdecken aus Holzwolle-Leichtbauplatten, Klinkerriemchen in beanspruchten Flurbereichen und rund um die Türen, Sichtbeton in Brettstruktur im neuen Treppenhaus sowie Einbaumöbel und Wandverkleidungen aus Seekieferplatten in Anlehnung an die ursprünglichen Holzeinbauten. Neue Holz-Aluminium-Fenster aus Weißtanne fügen sich in dieses Materialbild ein. Alles wirkt selbstverständlich, weil es aus dem Bestand heraus gedacht ist.

Hülle und Haltung
Die Fassaden wurden vollständig überarbeitet und mit einer einheitlichen vorgehängten Fassade aus Faserzementplatten mit Wärmedämmung versehen, wobei ein Teil der zwischenzeitlich eingebrachten Dämmung weitergenutzt werden konnte. Da eine zweischalige Sichtbetonfassade, die dem ursprünglichen Erscheinungsbild nähergekommen wäre, aus Kostengründen nicht realisierbar war, nahmen wir dessen Charakter mit einer hellgrauen, horizontal gegliederten Hülle auf. Sie betont die markanten Fensterbänder und stärkt die Dreiteilung der Anlage. Lediglich die neuen Gebäudeteile nehmen sich in dunklerem Grau zurück – das Treppenhaus mit größeren vertikalen Platten, die Lüftungszentrale mit einer Lamellenverkleidung aus Aluminiumprofilen.

Technik, die sich zurücknimmt
Hinter der ruhigen Erscheinung des Gebäudes steht eine umfassende technische Erneuerung. Sämtliche haustechnischen Installationen wurden ausgebaut und ersetzt. Die Unterrichtsräume und der Sanitärbereich werden heute über eine zentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung be- und entlüftet. Die neu eingebauten Heizkörper sind an den bereits vorhandenen Holzpellets-Heizkessel in der Turn- und Festhalle angeschlossen. Neu organisiert wurden ebenso die Elektroversorgung und die technischen Verteiler.
Auch beim Sonnenschutz wurde die Schule auf heutige Anforderungen eingestellt. Hinter der vorgehängten Fassade ist ein Raffstore integriert, der verlässlichen Blend- und Hitzeschutz sicherstellt, wie ihn Unterricht mit digitalen Medien benötigt. Auf den Dachflächen kamen Gefälledämmung, extensive Begrünung und eine vollflächige Photovoltaikanlage hinzu.

Schule im Park
Nicht nur das Gebäude, auch sein Umfeld wurde im Zuge der Sanierung neu gefasst. Wir ordneten die Außenanlagen um Schule und Halle neu und werteten sie deutlich auf. Wege, Treppen und Eingangsbereiche wurden erneuert, die Zufahrt befestigt und als Anlieferung sowie Feuerwehrzufahrt ausgebildet. Zwischen Schule und Halle entstand eine größere Platzfläche, die im Schulalltag ebenso funktioniert wie bei Veranstaltungen. Ein weiteres kleines Entrée liegt vor dem neuen Treppenhausanbau. Der Schulhof auf der Südseite wurde vollständig neugestaltet, bestehende Elemente wie ein großer Baum und die Sitzschnecke konnten erhalten werden. Fahrrad- und Geräteschuppen sowie eine überdachte Abstellfläche für Kinderfahrzeuge ergänzen das Ensemble.
Auch im Freiraum entwickelten wir die Schule mit großer Sorgfalt weiter. Regenwasser wird gesammelt, Retentionsflächen sichern den Umgang mit Starkregen, und ein Löschwasserreservoir stärkt die Infrastruktur weit über das Schulgelände hinaus. So verbindet das Projekt architektonische Erneuerung mit funktionaler Resilienz.